Die Verlegerin Antje Hadler starb im März 2021

 

 


Sie gab 2003 den entscheidenden Impuls zur Gründung des Nachttischbuch-Verlags – und, großherzig wie immer, auch noch das notwendige Startkapital für ein Büro in Berlin und digitale Technik.


 

Die ehemalige Nachttischbuch-Verlgerin Antje Hadler ist tot. Im Nachttischbuch-Verlag erschienen einige ihrer Essays.

Verlegerin Hadler, Autoren Jogschies und Hasenfuß bei einer Lesung

Antje Hadler war zwar bedacht in all ihren Entscheidungen, dann aber leidenschaftlich in der Umsetzung. Sie las sorgsam eingesandte Manuskripte, lektorierte und steuerte hier und da Illustrationen bei oder, wenn es sein musste, das gesamte Layout eines Buches oder einer Webseite. Denn seit den Achtzigerjahren hatte die Tochter eines Graphikers nebenberuflich für Rowohlt, Eichborn und Zeitungsverlage Cartoons gezeichnet.


Ihr Beruf als Diplom-Psychologin, zunächst in einer Klinik und einer psycho-therapeutischen Arztpraxis, und später als promovierte Volks- und Betriebwirtin in der Forschung und Lehre an der Bundeswehruniversität Hamburg, war ihr jedoch stets wichtiger.


1995 wechselte sie als Professorin für Organisationspsychologie an die Hochschule des Bundes nach Berlin. Mit der schmuddeligen Stadt, ihren derben Bewohnern und den eitlen Kolleg*innen wurde die Hamburgerin nie richtig warm. Es war ihr fachlich ohnehin zu seicht und vergeblich, methodisch zu unterbelichtet und im Stil jenseitig, wie das meiste in der blasierten, zutiefst unfähigen „Hauptstadt“.


Sie trug sich nach 25 Dienstjahren mit dem Gedanken, aus der Lehre, die zunehmend von anmaßenden Laien aus der Verwaltung zur Bachelorisierung auf unterstem Niveau verflacht wurde, auszusteigen.

 

 

Die ehemalige Nachttischbuch-Verlgerin Antje Hadler ist tot. Im Nachttischbuch-Verlag erschienen einige ihrer Essays.

Verlegerin Hadler, vorne rechts im Publikum

Ein anderes Leben...

 

Den Verlag hatte sie da längst hinter sich gelassen, aber gleichwohl Autoren wie den legendären Christoph Buggert ins Programm geholt, mit Vergnügen und ihrem Geschmack.

 

Antje Hadler wollte sich fortan "wieder mehr engagieren" – anders und doch wie gewohnt, so wie in den Siebzigerjahren: damals beispielsweise in einer Bürgerinitiative gegen eine Stadtautobahn durch Hamburg-Harburg, gegen die sozialdemokratische, "wirtschaftsliberale" Zerstörung der Elbdörfer Altenwerder und Moorburg mit Elbschlick und Containern, stattdessen vielleicht wieder mit einer Lebensmittelkooperative "anders leben" gestalten, die regionale Nahrungssicherheit ökologisch formen helfen... Da halfen inzwischen keine grünen Karrieristen ohne Bildung, aber mit Geltungssucht (wie die in all den übrigen Parteien).


Ihr Blick fiel dann aber auf die Ein-Dollar-Brille, deren internationales Engagement sie beeindruckte. Sie spendete, wollte aber zudem praktisch und organisatorisch mithelfen, anderen Menschen das Sehen der Welt zu erleichtern. Und sei es, um besser Lesen zu können...

 

Doch mehrere Erkrankungen und Behandlungen brachten sie nach und nach von diesem gewünschten Weg, selber mit anzupacken, ab. Schließlich kam 2019 die Diagnose Krebs dazu.


Zwei lange Jahre hat sich Antje Hadler mit all ihrer schwindenden Kraft gemüht, in ihr Leben vor der Diagnose zurückzufinden. Sie erlag unter Schmerzen und hunderten Nadelstichen  den ärztlichen Routinen bis hin zur planmäßigen Ignoranz. Und einem Krankensystem, das "marktwirtschaftlich" auf "Fall-Pauschalen" setzt und damit Krankheit und Tod als lohnend für Investoren fördert, aber Sorgfalt und Forschung offenbar verkümmern lässt, von der Würde des Menschen ganz zu schweigen.

 

Antje Hadler starb am 22. März 2021 plötzlich in einem evangelischen Hospiz, obwohl noch eine weitere Chemo-Therapie vorbereitet worden war - nachdem eine katholische Palliativstation ihr leidendes Leben wochenlang zu einer Hölle gemacht hatte.


 

Die ehemalige Nachttischbuch-Verlgerin Antje Hadler ist tot. Im Nachttischbuch-Verlag erschienen einige ihrer Essays.

Antje Hadler

Sie hätte noch...

 

Sie hätte ein Buch darüber geschrieben: In "ihrem" Verlag, der nach ihrem Willen stets den Mut haben sollte, unpopuläre Themen zu veröffentlichen.

 

Ende Dezember 2021, voraussichtlich "zwischen den Jahren", erscheinen daher zwei Titel, die das einstige Tabu- bzw. das überraschende Mode-Thema Hospiz und menschenwürdiger Tod allerdings provokativ statt (wie üblich: faselnd) aufgreifen.

 

Antje Hadler, die sich vor Beerdigungsritualen stets wie vor anderer Reglementierungswut gefürchtet hatte, wurde erst am 7. April 2021 beerdigt - weil die Berliner Verwaltung "wegen Corona" auf manchen Friedhöfen nur an einem Vormittag pro Woche Bestattungen durchführte. Sie wurde auf Eis gelegt.

 

Sie hätte darüber gelacht, wenn sie Kälte nicht so sehr verabscheut hätte..

 

 

 

 

Im Nachttischbuch-Verlag (Hamburg) erscheinen unbekannte, aber tolle Autoren

NTB-Logo, 2004

zum Seitenanfang | eine Seite zurück | Print-Version anzeigen